Die Wissensklippe: Was passiert, wenn die Besten in Rente gehen

Wissensmanagement Fertigung Fachkräfte Strategie

Ein Produktionsleiter sagte mir unverblümt: „Wenn Hans nächstes Jahr in Rente geht, verlieren wir 30 Jahre Wissen darüber, warum Maschine 7 donnerstags dieses Geräusch macht und was man dagegen tut.”

Das ist kein Einzelfall. Quer durch die deutsche Fertigungsindustrie nähert sich eine ganze Generation erfahrener Fachkräfte dem Ruhestand. Das Wissen, das sie tragen — die Workarounds, die Intuitionen, das „haben wir 2003 versucht, und hier ist, warum es nicht funktioniert hat” — ist größtenteils undokumentiert.

Das Ausmaß des Problems

In einem typischen mittelständischen Fertigungsunternehmen schätze ich, dass 60–70% des kritischen Betriebswissens nur in den Köpfen der Mitarbeiter existiert. Es steht nicht im ERP. Nicht im MES. Nicht in einem Handbuch. Es lebt in der Erfahrung von Menschen, die diese Prozesse seit Jahrzehnten betreiben.

Kann KI helfen?

Nicht mit einem Chatbot. Nicht mit einer simplen Wissensdatenbank. Aber mit einem systematischen Ansatz zur Wissenserfassung und -abfrage — ja.

Ich experimentiere mit strukturierten Interviewprotokollen kombiniert mit KI-gestützter Dokumentation: aufzeichnen, wie erfahrene Bediener Entscheidungen treffen, die Entscheidungslogik extrahieren und abfragbare Wissenssysteme darum herum aufbauen.

Erste Ergebnisse sind vielversprechend. Aber der schwierigste Teil ist nicht die Technologie — es ist, einen 58-jährigen Maschinenbediener davon zu überzeugen, dass sein Wissen es wert ist, dokumentiert zu werden. Das ist eine Change-Management-Herausforderung, kein technisches Problem.

Das Zeitfenster schließt sich

Der Zeitpunkt, dieses Wissen zu erfassen, ist jetzt — solange die Menschen, die es tragen, noch da sind, um zu validieren, was das System lernt. In drei Jahren wird es für viele Unternehmen zu spät sein.